


Die Einkaufsrevolution hat begonnen!
Beispiele für die »pauschale Verachtung« der Politik der
kleinen Schritte muss man nicht lange suchen. In dem 2005 erschienenen
Buch Wunschlos unglücklich mäkeln die Autoren
Alexander Meschnig und Mathias Stuhr, der kritische Konsument
sei »eine Mischung aus dem diffus betroffenen Gutmenschen
und dem moralinsauren Oberlehrer«, an anderer Stelle
nennen sie ethischen Konsum eine »Form des Ablasshandels -
gutes Gewissen gegen Geld«, und im Ausblick ihres Buches
schreiben sie: »Das moralische Engagement via Konsum verursacht
in den meisten Fällen keine hohen persönlichen Kosten.
Man wechselt die Tankstelle, kauft Adidas-Schuhe statt Nike,
trinkt Pepsi statt Coca-Cola, isst Nicaragua-Bananen statt Chiquita.
Alle diese Verhaltensweisen geben uns das gute Gefühl,
etwas gegen das Unrecht in der Welt zu tun. So kann man
abends wieder besser einschlafen.
Diese Argumentation ist lange bekannt, sie folgt der religiösen Tradition der Gewissenserforschung und -bewertung und ist der Standardvorwurf gegen
jeden politischen Konsumenten. Auch Spenden aller Art werden
damit gerne als »bürgerliche Gewissensberuhigung« lächerlich
gemacht. Dabei ist die Kritik dreifach perfide: Erstens spricht
überhaupt nichts auf der Welt gegen ein in Teilen beruhigtes Gewissen.
Der Vorwurf ist geradezu absurd: Als würde sich der
Kaffeebauer, der seine Bohnen zu einem fairen Preis verkauft,
darüber grämen, dass er nur deshalb mehr Geld bekommen hat,
weil jemand sein Gewissen beruhigen wollte.
Im Zweifelsfall dürfte es ihn eher freuen. Dass die Welt als Ganze nicht gerecht
ist, weiß er ohnehin.
Zweitens unterstellt der Vorwurf der Gewissensberuhigung
»ohne hohe persönliche Kosten«, dass Engagement
nur in Verbindung mit Opferbereitschaft etwas zähle.
Als ginge es allein um eine moralische Bewertung ! - und nicht um
die Wirkung. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Gerade weil es
uns so wenig kostet, unsere Verbrauchermacht im Sinne von
Weltgerechtigkeit und Umweltkatastrophenverhinderung zu nutzen,
gerade deshalb sollten wir es tun.
Ob aus Gewissens- oder Vernunftgründen tut dabei nichts zur Sache.
Und drittens schwingt dabei die alte Rebellenkritik an kleinen
Schritten zur konkreten Verbesserung mit: Was bedeuten schon
ein paar Kaffeebauern, wenn der Rest der Dritten Welt nach wie vor ausgebeutet wird? Das große Ziel ist doch, eine gerechtere Weltordnung zu etablieren!
Wenn man aus der Konsumrebellenkritik von Heath und Potter eine Lehre ziehen kann, dann diese: Der Ansatz »Ganz oder gar nicht« hat sich im Fall der Kapitalismus- und Konsumkritik als wenig wirkungsvoll erwiesen.
Vielleicht sollte man die Beantwortung der Grundsatzfrage, die
sich ohnehin niemand mehr ernsthaft stellt, vertagen und dafür
sofort mit den kleinen Schritten beginnen, ganz systemimmanent,
und statt sich vergeblich ums Ganze zu kümmern, lieber
erfolgreich die Details verändern.
Es geht um die Wirkung, nicht um die Pose.
»Verführemich,befriedigemich,veränderemich!«
Das ist das Ergebnis von vierzig Jahren Kauf-Kritik: Die Konsumgesellschaft
hat ihre Kritiker gefressen, den Protest absorbiert
und in Produkte verwandelt. Der Markt hat sich auf konsumkritische
Konsumenten eingestellt, neben dem Billig- und
dem Teuersegment gibt es deshalb eben auch einen Markt für
kritische Käufer.
Aus dem Konsum gibt es offensichtlich keinen Ausweg außer wieder hinein. Konsum darf längst wieder gelobt werden: als Mittel zur Steigerung der Binnennachfrage und als
Motor für das Wirtschaftswachstum und sogar als Instrument der Weltenrettung: »Der Konsumismus ist das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen«, schreibt Norbert Bolz in seinem Konsumistischen Manifest.
Man solle zwar nicht die Augen vor den Folgelasten der
Modernisierung und den Schicksalen der Globalisierungsopfer
verschließen. »Und auch die immanenten Schwächen des konsumistischen
Lebensstils, der vom pursuit of happiness nur den
>happiness of pursuit< übrig lässt, liegen seit langem offen zutage.
Dennoch sei es an der Zeit, so fordert Bolz, die Stärke
in diesen Schwächen zu erkennen: die Eroberung der »diesseitigen
Tiefe«, die Ablenkung von Fanatismen aller Art. Auch bei
Joseph Heath und Andrew Potter taucht dieser Gedanke auf: ob
»vielleicht die Tatsache, dass Konsumdenken andere Formen
von bürgerschaftlichem Engagement verdängt habe, gar nicht so
negativ zu bewerten sei, wenn sich die massenhafte Begeisterung
für solche Schrecken des 20. Jahrhunderts wie Imperialismus und
ethnischen Nationalismus auf diese Weise abkühlen lässt«.
Leider fehlen die Beweise für die schöne Annahme, dass Konsum
zivilisierend und demokratisierend wirke. Auf Westeuropa
scheint das zuzutreffen, dort geht es friedlich zu, seit der Wohlstand
nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen ist. Doch auf die
USA trifft es schon weniger zu, und China und Russland zeigen
seit dem Ende der neunziger Jahre, dass Konsumgesellschaften
auch ziemlich aggressiv und undemokratisch auftreten können.
Seit der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen vor über
hundert Jahren den Luxuskonsum der Oberschicht als ehrenhaft
beschrieben hat, sind sich die Soziologen einig, dass Konsum
nicht nur den Konsumierenden glücklich macht, sondern
auch seinen Nachbarn neidisch, und dass dieses Neiderwecken -
vornehmer Distinktion genannt - auch der Zweck des Kaufens
ist. Ob das wirklich dauerhaft die demokratischen Tugenden
stärkt oder von Fanatismen anderer Art ablenkt, ist zumindest
zweifelhaft. Doch nachdem Kulturpessimismus und
Konsumkritik zwei bis drei Jahrzehnte lang die Debatten dominiert
haben, gibt es offensichtlich jetzt das Bedürfnis, das
hemmungslose Einkaufen endlich gut finden zu dürfen.
Konsumismus sei das mächtigste und allgemeinste Dispositiv
unserer Zeit, stellen Meschnig und Stuhr fest. Sogar philosophisch
ist der Konsum inzwischen aufgewertet.
»Im konsumistischen Zeitalter erkennt sich der einzelne im Objekt seines
Konsums. Im Erlebnis des Konsums, in der Wahl der Art
des Erlebens wählt sich das Subjekt selbst«, schreibt der Philosoph
Peter Koslowski.So klingt Kaufen gleich viel weniger banal.
Auf dem Deutschen Trendtag 2004 in Hamburg hat der Tausendsassa unter
den Medientheoretikern, Norbert Bolz, erläutert,wie sich der Konsum im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert hat: Ursprünglich diente Konsumieren der Befriedigung von Bedürfnissen oder der Beseitigung eines Mangels, doch damit sei
es jetzt vorbei. »Das wird niemals geschehen, dass irgendein
Mangel Sie auf den Markt treibt, um irgendeinen Kauf zu tätigen
«, erklärte er den versammelten Werbern und Marketing-
Leuten. Warum nicht? »Weil Ihre Bedürfnisse seit langem dauerhaft
befriedigt sind. Ihnen fehlt überhaupt nichts! «
Bolz' Theorie lautet: Früher sagten die Konsumenten zu den
Waren »Befriedige mich!« Als sie alles hatten, sagten sie» Verführe
mich! «, und als das nicht mehr reichte, forderten sie» Verändere
mich!« - am liebsten von Markenprodukten, deren Logos
sie nur zu gerne auf Brüsten und Brillenbügeln herumtragen, um
im Glanze der Marke selbst auch ein bisschen zu leuchten. Dabei
kommt es natürlich drauf an, richtig zu leuchten, damit man
sich von denen abgrenzt, die die falschen Sachen kaufen. Was
Automarken angeht, so ist das lange bekannt, inzwischen jedoch
werden sogar Kinderwagen symbolisch aufgeladen. Wer im
Sommer 2006 seinen Nachwuchs statusgerecht durch die Stadt
schieben wollte, musste das im Bugaboo tun. Die in allen Modefarben
erhältlichen »Luxus-Offroad-City-buggers« des niederländischen
Herstellers seien das »ultimative Statussymbol«
und der »Bentley der Prominenz«, erkannte die Süddeutsche Zeitung
(Feuilleton, 16.7.2006).
Wir haben uns an diesen Zustand des unendlichen Neu-Kaufens so gewöhnt, dass wir gar nicht mehr bemerken, wie erstaunlich das eigentlich ist: Auch wenn
uns eigentlich nichts fehlt, kaufen wir weiter und befriedigen
uns damit sogar Wünsche, von denen wir vor dem Kaufen gar
nicht wussten, dass wir sie hatten.
Tanja Busse, aus Die Einkaufsrevolution...ein Buch das ich allen wärmstens empfehle. Es ist schockierend, es macht Hoffnung, es zeigt uns besonders anschaulich und informativ ohne viel Fachgeschwafel, was wir eigentlich schon wissen und regt uns so zum politischen Handeln im Alltag an.
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