Wie geht man also damit um? Man weiß, dass Kinder anderswo
auf der Welt für uns arbeiten, bloß beim Einkaufen vergisst man
es meistens. Wenn uns jemand erzählt, wie es dort zugeht, wo
Kinder arbeiten, unter Bedingungen, die keine deutsche Gewerkschaft
einem Erwachsenen zumuten würde, denken wir:
Das würden wir gerne ändern, bloß wie? Und dann gehen wir
ins Kino und sehen Der ewige Gärtner und denken: Mist, das
mit der Pharmaindustrie und AIDS in Afrika ist ja auch nicht
in Ordnung! Auf dem Rückweg hören wir im Radio, in welche
Not die gefallenen Kaffeepreise die vietnamesischen Bauern bringen.
Und am nächsten Morgen lesen wir in der Zeitung, dass die
gefährlichen Weichmacher-Chemikalien noch immer in Tablettenhüllen
eingerührt werden dürfen, obwohl man seit Jahrzehnten
weiß, dass sie Embryonen schaden können. Dann hat man
für eine Weile genug gehört.
Wenn Elisabeth Schauer von einer ihrer Reisen zurückkommt
und Freunden von den Kindersoldaten oder Teppichknüpferkindern
erzählt, wollen die das oft gar nicht so genau hören, und
sie kann verstehen, warum: »Es ist zu vielund zu weit weg.« Genau
das trifft es: Es ist einfach zu viel. Die globale Konsumverstrickung
überfordert uns.
Denn alles hängt zusammen, der Welthandel mit dem Hunger
in Afrika, unser Benzinverbrauch mit dem Weltklima, unsere
Politik mit den Menschen im Stacheldrahtzaun der spanischen
Exklaven in Marokko und unser Einkaufsverhalten mit den
Ressourcen im Regenwald, und wir hängen leider mittendrin,
und niemand kann sagen, er hätte das nicht gewusst. Wenn man
ein Steak isst, stirbt ein Stück Regenwald. Wenn man sein Auto
tankt, verölen Landstriche in Nigeria. Kauft man Turnschuhe,
fördert man Kinderausbeuter. Mit dem Erwerb eines goldenen
Ringes beteiligt man sich an der Vergiftung rumänischer Dörfer,
und das alte Containerschiff, das unsere neuen Sportsachen aus
China herbeibringt, verliert giftiges Tributylzinn in den Welt-
meeren. Man nutzt riskante Technik, möglicherweise gegen seinen
Willen, man weiß, dass die eigene Lebensweise dem Ökosystem
schadet, und kauft Waren, die unter Bedingungen produziert
wurden, die man nicht gutheißt, und kann doch nichts
daran ändern - jedenfalls nicht, ohne seinen Lebensentwurf zu
gefährden.
Jeden Tag hört man, dass viele Dinge geschehen, die
nicht geschehen dürften, und weiß nicht, ob man dafür verantwortlich
ist. Wie soll man das aushalten? Gibt es so etwas wie
eine Konsumschuld? Das alles überfordert unser Vorstellungsvermögen
und, so scheint es, auch unsere Handlungsmöglichkeiten.
Wir wissen nicht zu wenig, wir wissen zu viel, wir sind
zu abgeklärt, und wir fühlen uns hilflos.
Die Ethnologin Shikiba Babori, die mit 13 Jahren aus Afghanistan
nach Deutschland kam, hat Kinder wie den TeppichknüpferAhmed in ihrer
Schule in Kabul getroffen. Damals, erzählt sie, wusste sie nicht,
dass jemand für solche Ungerechtigkeiten verantwortlich sein
kann. Die Kinder taten ihr einfach Leid. Heute ist das anders.
Auch wenn es nicht den einen Verantwortlichen gibt, den man
für das Leid dieser Kinder zur Rechenschaft ziehen könnte, so
kann man die Zusammenhänge doch erkennen: Zwar ist die
Welt im Zeitalter der Globalisierung ein komplexes System
schwer steuer barer Subsysteme, die alle irgendwie miteinander
zusammenhängen, und wir mittendrin.
Doch als Teilnehmer der
globalen Wissens- und Informationsgesellschaft können wir
unsere Position darin ziemlich klar sehen, verwickelt in ein globales
Geflecht von Ursachen und Wirkungen, in dem sich jeder
Einzelne als Mit-Ursache und Teil der Wirkung erkennen kannungefragt
mitschuldig, aber nicht zu einer ohnmächtigen Handlungsstarre
verdammt.
Es gibt zwei Arten, auf die Konsumverstrickung zu reagieren:
verdrängen oder sich stellen. Die erste brauche ich nicht zu beschreiben,
weil sie beinahe jeder von uns beinahe immer praktiziert.
Wir sind ziemlich damit beschäftigt, unsere eigene Position
in einer Gesellschaft zu verteidigen, in der der Markt immer
größere Teile vereinnahmt: mit der richtigen Kleidung, der rich-
tigen Automarke und dem richtigen Job. Diese Verwirklichung
durch Konsum absorbiert Energie, die uns fehlt, um die andere
Seite des Marktes, die Herstellung der Waren, zu bedenken. Das
ist auch kaum anders möglich, denn immerzu darüber nachzudenken,
dass man sich beim Einkaufen permanent irgendwie
schuldig macht, übersteigt das emotionale Fassungsvermögen.
Dächte ich immerzu an den Teppichknüpfer in Kabul, könnte
ich meinen Wohnzimmerteppich nicht länger ertragen. Ich lasse
ihn aber liegen, denke an etwas andres, und so bleibt nur ein vages
Unbehagen.
Der Philosoph Günther Anders hat dieses Ausweichen vor
Schuld und Verantwortung vor fünfzig Jahren untersucht. Damals
begannen die Menschen gerade zu verstehen, dass sie mit
der Atombombe die Möglichkeit geschaffen hatten, die Menschheit
als Ganzes zu vernichten. Doch die meisten beschlossen, lieber
nicht darüber nachzudenken. Die Vorstellung, dass Atomwaffen
alles Leben auf der Erde vernichten könnten, war eine
Nummer zu groß für sie. Apokalypse-Blindheit nannte Günther
Anders dieses Phänomen. Weil sie Angst vor der Angst haben,
meinte Anders, denken sie nicht über die menschengemachte
Weltgefahr nach. Sie verdrängen sie, statt sich ihr zu stellen. Der
Gegenstand, "der uns eigentlich ohne Unterbrechung mit bedrohlicher
und faszinierender Überdeutlichkeit vor Augen stehen
müsste, steht umgekehrt gerade im Mittelpunkt unserer Vernachlässigung;
von ihm fortzusehen, fortzuhören, fortzuleben,
ist das Geschäft der Epoche.«
Wie schrieb der Journalist Florian Illies knapp fünfzig
Jahre später in Generation Golf. »Hätten
wir damals unseren Biologielehrern geglaubt, dann dürfte es
heute wegen des Waldsterbens in ganz Deutschland keine einzige
Eiche mehr geben, und Australien wäre längst verbrannt,
weil sich das Ozonloch unbarmherzig vergrößert. Wir hörten
immer neue Horrormeldungen und beschlossen deshalb irgendwann,
uns dafür nicht mehr zu interessieren.«
Günther Anders, den die Apokalypse-Blindheit sehr zornig
gemacht hat, versuchte damals zu verstehen, warum die meisten
Menschen apokalypse-blind waren, und sah den Grund darin,
dass die Menschen ihren »eigenen Produkten und deren Folgen
phantasie- und gefühlsmäßig nicht gewachsen sind«. Dass
ihre Vorstellungskraft also nicht reicht, sich das Ausmaß der
möglichen Atomkatastrophe vorzustellen. Anders schrieb, dass
grundsätzlich »das Volumen des Machens und Denkens ad libiturn
ausdehnbar ist, während die Ausdehnbarkeit des VorsteIlens
ungleich geringer bleibt; und die des Fühlens im Vergleich
damit geradezu starr zu bleiben scheint.« Das gilt nicht nur
für die Atombombe, sondern auch für Wohlstandsschuld und
Konsumverstrickung:
Unsere Vorstellungskraft ist der Ausweitung
unserer Wirtschaftsbeziehungen nicht gewachsen. Wir
nehmen Teil am weltweiten Handel, ohne uns vorstellen zu können,
was das für die Menschen in den Sweatshops von Bangladesch
bedeutet und für die Coltanhändler im Kongo.
Es ist zu viel und zu weit weg und zu leicht zu verdrängen. Die
Zahl von 246 Millionen Kindern, die in Minen, Sweatshops und
Plantagen dafür schuften, dass wir gut und günstig einkaufen,
bleibt merkwürdig abstrakt. Alle diese Kinder zusammen erregen
kaum unser Mitleid. Doch träfen wir ein einziges von ihnen,
sähen wir, wie es schuftet und friert, oder erzählte uns jemand
seine Geschichte, ginge es uns ans Herz.
Vielleicht hilft das moralische Dilemma, das Günther Anders
vor fünfzig Jahren beschrieben hat, weiter, um unsere Hilflosigkeit
angesichts der globalen Konsumverstrickung zu verstehen.
»Wir sind nicht mehr >Handelnde<, sondern nur Mit-Tuende«,
schrieb Anders damals. Einerseits erwarte man vom arbeitenden
Menschen »hundertprozentiges Mit-Tun«, und zwar auch ohne
dass man ihn in die Ziele des Betriebes eingeweiht habe. Deshalb
brauche er auch kein Gewissen, sondern nur Gewissenhaftigkeit.
Andererseits aber möchte man von ihm verlangen, »dass er
sich in der >Sphäre außerhalb der Betriebswelt< als >erselbst< benehme,
also unmedial, kurz: moralisch«. Damit aber verlange
man vom Menschen, dass er ein schizophrenes Leben führe. Wie
etwa eine Apothekenhelferin, die tagsüber Aspirin verkauft und
abends im Schwarzbuch Markenfirmen liest, dass dessen Hersteller
Bayer unethische Medikamentenversuche finanziert und
Rohstoffe aus Kriegsgebieten importiert. Am liebsten würde
sie ihre Kunden zum Boykott aufrufen, aber das könnte ihren
Job gefährden, also lässt sie es bleiben.
Leo Hickman, ein Redakteur der britischen Tageszeitung The
Guardian, hat versucht, dieses Dilemma zu überwinden, und darüber
ein ganzes Buch geschrieben: Fast nackt. Mein abenteuerlicher
Versuch, ethisch korrekt zu leben. Darin schreibt er, wie
er den Nebel aus Trägheit und Apathie eines Tages nicht länger
ertragen konnte, der ihn davon abhielt, ein gerechteres Leben zu
führen: »
Mir stockt der Atem bei den betrüblichen Fakten über
unser verschwenderisches und selbstsüchtiges Leben: dass weltweit
pro Jahr 33 Milliarden Dollar für Kosmetika ausgegeben
werden, während 29 Milliarden Dollar ausreichen würden, den
Hunger auszurotten und alle Menschen mit sauberem Trinkwasser
zu versorgen. Oder dass die Hälfte der Weltbevölkerung
von weniger als zwei Dollar pro Tag überleben muss - weniger
als ich für einen Kaffee auf dem Weg zur Arbeit ausgebe. «So
begann Leo Hickman sein Experiment »ethisches Leben«, das er
in einer Kolumne im Guardian dokumentierte. Er bestellte
sich Berater ins Haus, zwei Vertreter von Umweltorganisationen
und einen Redakteur der Zeitschrift Ethical Consumer, die gemeinsam
mit ihm und seiner Frau das ganze Haus durchforsteten
- was keine angenehme Erfahrung war. Nach ihrem Besuch
räumte Hickman die Küche auf und fühlte sich schlecht: »Alles
was ich in die Hand nahm, jede Dose, jede Flasche, sogar die
leere Salatschüssel aus Plastik, schrie mir ein Schuldig!entgegen.
« Er begann nach ökologisch und politisch korrekten Produkten
zu suchen, und er hielt durch. Sein Experiment sei »wie
die Büchse der Pandora - einmal geöffnet, ist sie nicht wieder zu
schließen.« Das ethische sei jetzt sein normales Leben, und er
habe den Trick gefunden, »mit dem sich das Gefühl vermeiden
lässt, dein Leben sei eine langwierige Übung in Selbstgeißelung
«, resümiert Hickman. Dieser Trick ist die Einsicht: "
Nein,
du kannst die Welt nicht eigenhändig retten. Aber du kannst
dich mehr bemühen, als du es gestern tatest. Und, hey, kann sein,
dass du dabei sogar Spaß hast."
Es ist eine Art von Befreiung, so zu leben. Das Gefühl, heillos
in ungute Zusammenhänge verstrickt zu sein und zu tun, was
man eigentlich nicht will, ist unangenehm. Besser fühlt es sich
an, selber zu entscheiden, wer von dem Geld profitiert, das man
beim Einkaufen ausgibt. Diese SO Euro hier kriegt der Biobauer
und nicht Dieter Schwarz, der Lidl-Chef, einer der reichsten
Männer Deutschlands. Und die 1000 Euro aus meinem Munitions-
Fonds bei der Deutschen Bank gehen an einen Solaranlagenbauer.
Leo Hickman hatte den Beginn seines ethischen Lebens immer
wieder verschoben. Etwas an seinem Lebensstil ändern
wollte er schon länger, immer wenn er einen» Zuckerschoten-
Moment« erlebte, »diesen Schub von Schuldgefühlen, der dir
sagt, dass es irgendwie schlecht ist, was du gerade tust - zum
Beispiel, wenn du mitten im Winter ein päckchen frische, grüne
Zuckerschoten kaufst, das per Luftfracht von einem Acker in
Kenia in das Supermarktregal vor dir gebracht worden ist«. Gewöhnlich
hält dieser Zuckerschoten-Moment nicht lange an,
schreibt Hickman, er wird überlagert von den tausend Dingen,
die man gerade noch zu tun hat, deshalb muss »die Grübelei
über Flugzeugabgase, Billiglohnarbeit und Verpackungsmüll «
bis morgen warten. »Aber morgen kommt niemals. Jedenfalls
kam es bei mir nie«, schreibt Hickman. Morgen wird immer
wieder verschoben - das ist der Grund, warum viele ethische
Konsumenten mit ethischem Konsum noch nicht begonnen
haben. Das kurze Gefühl der Empörung über eine von vielen
Konsum-Ungerechtigkeiten donnert wie eine große Welle an
den Strand und verläuft sich dann im Sand. Bloß warum? Und
wie ließe sich die Energie der Wellenutzen, bevor sie verebbt?
»Was hält mich eigentlich davon ab, den Hintern hochzukriegen
und etwas Gutes für die Welt zu tun, egal wie klein es
auch sein mag?«, fragte sich Leo Hickman und fand keine überzeugende
Antwort.119Es gibt tatsächlich keine triftigen Gründe,
so zu tun, als wüsste man nicht, was man weiß, und als könne
man nicht danach handeln. Seit ich vor einigenJahren begonnen
habe, über die Industrialisierung der Landwirtschaft zu schreiben,
kann ich mir nicht mehr vorstellen, nicht im Bioladen zu
kaufen. Dazu habe ich zu viele zusammengequetschte Mastschweineund
Legehennen gesehen.Doch ich weiß seitdem auch,
wie Baumwolle für die Textilindustrie angebaut wird und wie
viele Pestizide auf die Felder gekippt werden müssen, damit sie
gedeiht. Warum um alles in der Welt kaufe ich also noch Kleidung
aus nicht-ökologischer Baumwolle?
Alles, was mir einfällt, überzeugt mich nicht recht: Verzicht
ist natürlich uncool, Verzicht kann man nicht zeigen, und
Haben ist schöner, das ist ein Punkt.
Doch korrekter Konsum
hat oft nicht einmal mit Verzichtzu tun, sondern mit der durchaus
lustvollen Erfahrung, das bessereProdukt gekauft zu haben.
Oder den milliardenschweren Discounter-Chefs weitere Gewinne
verweigert zu haben.
Oft aber verdrängen wir unser besseres Wissen aus
allgemeiner Überforderung. Sind wir deshalb
gleichgültigoder apathisch? Ich glaube nicht, dass es nur das ist.
Falsche Einkäufe sind auch eine Folgevon Zeitmangel und Alltagsstress.
Wer in Eile durchs eigene Leben rennt und ständig
tausend Sachen im Kopf haben muss, dem fehlt die Muße zum
Nachdenken über die Folgen des Konsums und die Zeit für die
Recherche, wo es die besseren Sachen gibt. So kommen wir nur
zum Unmittelbaren und vernachlässigendas, was auch bis morgen
warten kann.
Vielleicht ist es auch die Ablenkung: Wie viel
Werbung man täglich konsumiert, lässt sich schwer beziffern,
doch es ist eine ganze Menge: Die Zeitungs anzeige, die Radiowerbung,
die Logos auf der eigenen Kleidung, der Flyer im
Briefkasten, die Werbung auf den Bildschirmen in der U-Bahn,
die Werbeplakate, der Kugelschreiber mit dem Schriftzug einer
Firma, die Werbung im Fernsehen, das alles zusammen schafft
eine Art Dauerpräsenz von Kaufmöglichkeiten und überlagert
rasch den Eindruck einer kritischen Reportage. Lese ich, wie der
Ruß aus einem Dieselfahrzeug sich fein in der Luft verteilt und
in Lungen fliegt und dort Krebs auslöst, entsteht in meinem
Kopf das Bild vom Auto als Dreckschleuder. Wie viele Seiten
sexy Autowerbung muss ich anschauen, bis dieses Bild wieder
verwischt ist? Das Auto in der Werbung sieht ja nicht dreckig
aus, ganz und gar nicht. Vermutlich würden wir längst anders
einkaufen, unseren Vorstellungen entsprechend, wenn auf den
Waren Bilder von ihrer Herstellung abgedruckt sein müssten.
Das Bild einer zarten Zwölf jährigen an einer Nähmaschine in
einer langen Reihe von Nähmaschinen in einer sehr großen Fabrikhalle
auf dem Preisschild eines neuen Kleides würde einigen
Mädchen beim Shoppen sicher den Spaß an den neuen Sachen
verderben. Und Bilder von modernen Schweinernastanlagen
machen sich auch gut, um den Appetit auf Biofleisch zu fördern.
Doch geworben werden darf mit allem, was gefällt. Kein Gesetz
verbietet den Abdruck von frei laufenden Weideschweinen auf
einer Packung Industrieschinken. Wenn man Verschwörungstheorien
mag, kann man das als systematische Ablenkung verstehen.
Vielleicht braucht man, um endlich anzufangen, ein starkes
Erlebnis, etwas, das so unter die Haut geht oder das einen so
zornig macht, dass man gar nicht anders kann, als danach konsequent
zu handeln. Ich bin Vegetarierin geworden, weil mir einmal
ein Mastbulle so Leid tat, als er dem Bauern so voller Vertrauen
auf den Hänger folgte, der ihn zum Schlachter fuhr. Das
klingt vielleicht ein bisschen rührselig, aber für mich war es der
Auslöser, über Fleischproduktion und Tierhaltung nachzudenken.
Bei Leo Hickman ist dieses Morgen schließlich gekommen, als
seine Tochter geboren wurde und ihn die großen Sinnfragen einholten.
»Was stelle ich an mit meinem Leben? Bin ich ein guter
Mensch?«
Der Schriftsteller
Henning MankeIl hat nach einem
solchen Erlebnis eine Art produktiven Zorn entwickelt, der ihn
veranlasst hat, seinen Roman
Kennedys Hirn zu schreiben.
Er handelt von einer schwedischen Archäologin, die entdeckt, dass
ein Pharma-Unternehmen Menschenversuche mit AIDS-kranken
Afrikanern macht. »Vor zwanzig Jahren sah ich im Westen
von Sambia an der Grenze zu Angola einen jungen Afrikaner an
Aids sterben. Es war das erste, aber nicht das letzte Mal«,
schreibt er im Nachwort. »Die Erinnerung an sein Gesicht war
ständig in mir lebendig, während ich dieses Buch plante und
schrieb. Es ist ein Roman, es ist Fiktion. Doch eine Grenze zwischen
dem, was wirklich geschah, ist oft nahezu nicht-existent.«
Und er endet: »Was hier geschrieben steht, ist natürlich ganz
und gar das Ergebnis meiner eigenen Wahl und meiner Entscheidungen.
Genauso, wie der Zorn mein eigener ist, der Zorn,
der mich antrieb.«
Viele wären zornig, wenn sie dabei zuschauen würden, wenn
junge Afrikaner an AIDS sterben, und erst recht, wenn sie wüssten,
dass sich die meisten von ihnen auch deshalb keine Medikamente
leisten können, weil es das internationale Recht den
Pharmaunternehmen gestattet, sie so teuer zu verkaufen, wie sie
wollen, und es anderen Unternehmen zu verbieten, die Medikamente
billiger nachzubauen. Nun passiert das aber gerade nicht:
Wer nicht als Reporter oder für eine Hilfsorganisation nach
Afrika reist, sieht in der Regel nicht die Kehrseite unserer Konsumgesellschaft.
In den Lodges der Nationalparks und in den
palmengesäumten Hotels am Indischen Ozean lässt es sich ebenso
nett konsumieren wie im reichen Westen. Die Kunst für alle, die
nicht nach Afrika fahren oder nach Afghanistan, bestünde darin,
sich das vorzustellen, was sie nicht mit eigenen Augen sehen,
und danach zu handeln.
Manchmal können Bücher oder Filme ein eigenes Erlebnis ersetzen,
Der ewige Gärtner etwa, der Krimi von John Le Carre,
von Fernando Meirelles 2005 verfilmt, der ebenso wie Kennedys
Hirn die Machenschaften der Pharmaindustrie anklagt. Der
ewige Gärtner handelt von einem Pharmakonzern, der Slumbewohner
in Nairobi dazu zwingt, ein neues Tuberkulose-Medikament
zu testen. Es hat tödliche Nebenwirkungen, doch das
soll niemand erfahren, darüber sind sich alle Beteiligten einig,
die Ärzte, die Mitarbeiter der Pharma-Firmen und die Diplomaten.
Als die junge Diplomatenfrau Tessa Quayle die Praktiken
des Konzerns aufdecken will, wird sie ermordet. Man kann
den Film als spannende Unterhaltung konsumieren, man kann
ihn aber auch als Handlungsaufforderung verstehen. Im Nachwort
des Buches versichert John Le Carre, dass er sich alles, was
im Buch vorkommt, ausgedacht habe, doch eines könne er
sagen: Während der Recherchen im pharmazeutischen Dschungel
habe er verstanden, dass seine Geschichte im Vergleich zur
Realität so harmlos sei wie eine Urlaubspostkarte.122 Die sensibleren
unter den Zuschauern hinterlässt der Film einigermaßen
aufgewühlt, mit einem emotionalen Überschuss, der sich nicht
recht entladen kann: Zu gerne hätte man die hübsche kleine Sudanesin,
die mit Ralph Fiennes vor den wild schießenden Rebellen
flieht, gerettet, zu gerne hätte man dem kleinen Jungen geholfen,
das Baby seiner toten Schwester nach Hause zu tragen,
zu gerne hätte man den wartenden AIDS-Patienten gesagt, dass
sie zu gefährlichen Versuchszwecken mißbraucht werden und
an der vermeintlichen Medizin sterben können. Was also tun,
wir würden ja gerne, bloß was?
Es ist leicht zu helfen, wenn klar
ist, was man tun muss. Es ist schwer, wenn es so unklar ist wie
im Falle unserer Konsumverstrickung. Ein Faustschlag hilft da
nicht, man muss mühsam einen Knoten aufdröseln. Beim Einkaufen
anzufangen wäre zumindest ein Anfang.
aus dem Buch von Tanja Busse - Die Einkaufsrevolution